14. Oktober 2026
„Es wird nicht besser, es wird anders“
Wie Mutter und Sohn nach einem schweren Verlust neuen Halt finden – und wie die Stiftung AKM sie dabei begleitet
Sie trauern um denselben Menschen, haben aber Unterschiedliches verloren: Michaela (41) ihren Partner, Raphael (6) seinen Vater. Sieben Monate nach dem Tod ihres Mannes Thomas findet die Familie Schritt für Schritt zurück in den Alltag – begleitet vom Zentrum Niederbayern der Stiftung AKM.
Im Mai 2025 erhielt Thomas (46) die Diagnose Speiseröhrenkrebs. Die Krankheit war bereits weit fortgeschritten. Für seine Familie war er weit mehr als Ehemann und Vater: ein Mensch mit großem Herzen, der die gemeinsame Zeit liebte. Wandern, Ausflüge in die Berge und Reisen mit seiner Familie gehörten zu den Momenten, die ihn glücklich machten. Trotz der schweren Diagnose hielt die Familie lange an der Hoffnung fest. Ihrem damals sechsjährigen Sohn erklärten die Eltern die Krankheit kindgerecht: Sein Papa habe einen „Bauchdrachen“, der ihm die Kraft nehme und ihn deshalb immer dünner mache. Gleichzeitig versuchten sie, Raphael möglichst viel Normalität zu bewahren.
Wenn Tom nicht mehr mitkommen konnte, unternahm Michaela weiterhin Ausflüge mit ihm, ging wandern, besuchte den Tierpark oder das Schwimmbad. Als sich der Gesundheitszustand von Tom zunehmend verschlechterte, begleitete Michaela ihren Mann bis zuletzt. Heute verarbeitet sie nicht nur den Verlust ihres Partners, sondern auch die Erinnerungen an diese intensive gemeinsame Zeit. Gleichzeitig begleitet sie ihren Sohn auf seinem eigenen Weg der Trauer. Denn auch wenn beide denselben Menschen vermissen, erlebt jeder den Verlust auf seine Weise.
„Wenn ein Elternteil stirbt, verliert jedes Familienmitglied einen Menschen, zu dem es eine ganz eigene Beziehung hatte. Gleichzeitig verändert sich das gesamte Familiengefüge“, erklärt Nathalie Knab, Kinderhospizfachkraft im Zentrum Niederbayern der Stiftung AKM. „Der verbliebene Elternteil muss den eigenen Verlust bewältigen und gleichzeitig einem trauernden Kind Halt und Sicherheit geben. Deshalb schauen wir immer darauf, was jede einzelne Person in ihrer Situation braucht.“
Während Michaela nach dem Tod ihres Mannes zunächst vor allem funktionierte, zeigte sich Raphaels Trauer häufig in Wut und Rückzug. Zeitweise wollte er nicht mit seinen Freunden spielen, weil diese „alle noch einen Papa haben“. Für Michaela kamen zur eigenen Trauer plötzlich all die Aufgaben hinzu, die zuvor auf zwei Schultern verteilt waren: Kind, Beruf, Haushalt und unzählige Entscheidungen des Alltags. „Ich habe eigentlich nur funktioniert“, sagt sie rückblickend. Unterstützung anzunehmen, fiel ihr zunächst schwer. Heute sieht sie darin einen wichtigen Schritt und möchte andere Betroffene dazu ermutigen, Hilfe frühzeitig anzunehmen. „Auf jeden Fall Hilfe annehmen, zum Psychologen gehen. Eigentlich genau das, was ich nie wollte.“ Michaela und Raphael werden bis heute therapeutisch begleitet und finden dort Raum für ihre Gefühle, Fragen und Erinnerungen.
Thomas ist auch heute ein fester Bestandteil ihres Familienlebens. Sie sprechen regelmäßig über ihn, sammeln gemeinsame Erinnerungen in einem Album und bewahren liebgewonnene Rituale. Besonders sichtbar wird das bei einer gemeinsamen Leidenschaft von Vater und Sohn: Star Wars. Figuren und Erinnerungsstücke seines Vaters gehören inzwischen Raphael und erinnern ihn auf ganz natürliche Weise an die gemeinsame Zeit. Manchmal genügt aber auch ein alltäglicher Moment. „Er war der Sterne-, ich der Mondkoch“, erzählt Raphael lächelnd und erinnert sich dabei an das gemeinsame Kochen mit seinem Papa.
Im Sommer wagten Michaela und Raphael einen besonderen Schritt: ihren ersten Urlaub allein. Die Reise nach Rügen hatte die Familie ursprünglich noch gemeinsam geplant. Trotz der langen Autofahrt entschied sich Michaela, die Reise anzutreten. „Ich fahre trotzdem“, sagte sie sich. „Das hätte mein Mann bestimmt gewollt.“ Solche Momente bedeuten nicht, dass die Trauer verschwunden ist. Sie gehört weiterhin zu ihrem Leben, manchmal leise, manchmal sehr präsent. Gleichzeitig wächst wieder Raum für Schule, Freunde, Ausflüge und neue Erinnerungen. „Du darfst wieder Lebensfreude haben, du darfst wieder lachen, du darfst wieder Ausflüge machen“, sagt Michaela. Diesen Satz sagt sie nicht nur anderen Betroffenen, sondern immer wieder auch sich selbst. Heute geht Raphael wieder gerne zur Schule, trifft seine Freunde und spielt unbeschwert mit ihnen. Das Leben ist nicht mehr wie früher. Aber es geht weiter.
Mit ihrer Geschichte möchte Michaela anderen Familien Mut machen. Mut, offen über Trauer zu sprechen, Unterstützung anzunehmen und den eigenen Weg zu finden. Denn auch nach einem schweren Verlust dürfen Hoffnung, Zuversicht und neue Lebensfreude ihren Platz haben.
Bilder: privat

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