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9. September 2026

„Der Tod gehört zum Leben“

Eine Kinderhospizfachkraft und eine Bestatterin erzählen von ihrer gemeinsamen Arbeit für trauernde Familien

9. September 2026

„Der Tod gehört zum Leben“

Eine Kinderhospizfachkraft und eine Bestatterin erzählen von ihrer gemeinsamen Arbeit für trauernde Familien

„Ein Mädchen steht vor dem Sarg seines Vaters, misst ihn aus, hebt den Deckel, prüft, wie weich es innen ist. Wo ist oben, wo ist unten? Dann malt es. Und zwar die Innenseite des Deckels zuerst, denn das ist die Seite, die der Papa sieht.“

Diese Geschichte erzählt Bettina Baden, Kinderhospizfachkraft der Stiftung AKM im Zentrum Südwestoberbayern, als sie sich mit der Weilheimer Bestatterin Franziska Schwimmer zum Gespräch trifft. Die beiden Frauen haben schon mehrfach gemeinsam Familien im Landkreis Weilheim-Schongau begleitet, die einen schweren Verlust verkraften mussten. Hier reden sie offen darüber, was diese Zusammenarbeit für die Familien bedeutet.

„Vom Himmel gefallen“

Kennengelernt haben sich die beiden über Telefon und E-Mail. Baden hatte das Radiointerview „Blaue Couch“ mit Schwimmer im Bayerischen Rundfunk gehört und gedacht: Die passt genau zu uns. Persönlich getroffen hatten sie sich trotzdem zunächst lange nicht. Bis Baden eines Tages durch Weilheim lief, das Schild des Bestattungsunternehmens sah und einfach hineinging. „Du bist direkt vom Himmel zur Tür hereingefallen“, erzählt Schwimmer. „Wir haben uns sofort erkannt und sind uns in die Arme gefallen.“ Drei Familien haben sie seither zusammen begleitet: eine mit einem schwerkranken kleinen Mädchen, eine mit einer erkrankten und dann verstorbenen Mutter, zuletzt die Familie des zuletzt verstorbenen Vaters. Denn die Stiftung AKM betreut nicht nur Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern, sondern auch solche mit todkranken Eltern.

Eine der Begleitungen war organisatorisch und finanziell so schwierig, dass Baden nicht wusste, wie sich die Zeit zwischen Sterben und Bestattung organisieren ließe. „Franziska sagte nur: Wir regeln das alles“, erinnert sie sich. „Diese Ruhe war für die Familie und für mich unglaublich entlastend.“

Urvertrauen statt Angst

Viele Menschen machen einen großen Bogen um das Thema Tod. Die beiden nicht. „Für mich gehört der Tod ganz selbstverständlich zum Leben“, sagt Schwimmer. „In mir ist da so ein Urvertrauen. Ich strahle keine Angst aus, und das spüren die Menschen.“ Ein Psychologe habe einmal zu ihr gesagt: Wer Trauerfeiern hält, kann keine Angst vor dem Tod haben, und daran halte sie sich. Baden hat im vergangenen Jahr neun Todesfälle begleitet, Kinder darunter, bei denen nicht klar war, ob sie drei oder fünf Jahre alt werden. „Ich habe keine Berührungsängste vor Toten. Ich berühre sie, halte ihre Hand, verabschiede mich“, sagt sie. „Das gibt den Familien Sicherheit, besonders den Kindern.“

Wo sie sich besonders einig sind: Alle Gefühle dürfen da sein, auch gleichzeitig. „So traurig und verzweifelt die Situation auch ist, manchmal darf auch Humor da sein. Baden denkt an die Familie des verstorbenen Vaters: „Was habe ich mit dieser Familie gelacht! Und von jetzt auf gleich haben wir miteinander geweint.“ Man sei da, in welcher Gefühlslage die Familie auch gerade ist. „Wenn ein Kind um den Vater trauert, ist das ein Schmerz, den kann keiner nachvollziehen.“

Handabdrücke auf dem Sargdeckel

Bei der Trauerfeier nach dem Tod des Vaters standen sich die beiden Frauen gegenüber, in ständigem Blickkontakt. „Diese stille Abstimmung ohne Worte hat mir Kraft gegeben, und offenbar auch der Tochter“, sagt Baden. Deren Trauer sei so schwer gewesen, dass man alle Kraft brauchte, um sie zu halten. Schwimmer hätte fast mitgeweint. Zu ihrer eigenen Trauer sagt sie in solchen Momenten: „Geh mal kurz auf Parkposition, ich kümmere mich danach um dich.“ Jede habe ihre Aufgabe, zusammen könnten sie eine Familie besonders gut stützen.

Vorbereitet auf diesen Tag hat die Stiftung die Familie fast zwei Jahre lang. Sechs Monate vor dem Tod kam Schwimmer dazu. Sie sprach noch mit dem sterbenden Vater über seine Wünsche und danach mit Mutter und Tochter über die Möglichkeiten, etwa den Sarg selbst zu gestalten. „Es hat ihnen geholfen, ihn immer wieder zu sehen und damit umzugehen“, sagt sie. Akzeptanz komme langsam. Baden beschreibt es als langsame Hinführung zum letzten Bett: die Größe messen, berühren, riechen, der Sarg roch frisch, er war aus Fichtenholz. Die Tochter legte sich ein Konzept zurecht, malte den Deckel von innen, befestigte dort Wünsche auf kleinen Zetteln und zwei Handabdrücke in Schmetterlingsform, ihren und den der Mutter.

Auch die Wut darf raus

Was ist eine gute Vorbereitung auf den Tod? Beide antworten mit demselben Wort: Zeit. „Es ist gut, wenn man mit der Bestatterin so bald wie möglich Kontakt aufnimmt, damit man die Möglichkeiten kennt“, sagt Baden. Irgendwann habe die Tochter gesagt: „Ich habe keine Angst mehr. Ich weiß jetzt, was passiert.“ Schwimmer geht noch weiter: Man dürfe sich ruhig früh mit dem Tod befassen, lange bevor es akut wird. „Menschen, die ihre Beerdigung vorab regeln, leben oft entspannter.“

Nicht jede Familie will wochenlang vorher den Sarg gestalten, und die Kultur spielt mit hinein, das betonen beide. Aber es gebe viele Wege, und die Kinder dürften dabei sein. „Kinder können gut einschätzen, was sie sich zutrauen: zuschauen, mithelfen, gestalten oder gehen“, sagt Schwimmer. „Ich sage ihnen: Du bist der Chef. Das nimmt die Angst.“ Manchmal wollten sie dem verstorbenen Elternteil noch etwas mitgeben, ein Lieblingsspielzeug zum Beispiel.

Auch das Unangenehme darf raus. Wut, Vorwürfe, Enttäuschung. „Warum hast du uns allein gelassen?“ dürfe gesagt werden. „Man muss nicht nur Schönes sagen, bloß weil jemand gestorben ist“, sagt Schwimmer. Einmal habe sie einen Teenager geradeheraus gefragt: Was war richtig doof? Erst seien alle schockiert gewesen, dann sei die Erleichterung gekommen. Baden kennt das aus ihrer Arbeit: „Bleibt die Wut drin, trägt man sie ewig mit sich, und das kann einen Menschen verändern.“

Konkrete Hilfe anbieten

Und was hilft trauernden Familien am meisten? Konkrete Angebote, da sind sich beide einig. Nicht „Melde dich, wenn du was brauchst“, sondern „Ich bringe morgen Suppe“ oder „Ich begleite dich zur Bank“. „Entscheidungen zu treffen ist in der Trauer extrem schwer“, sagt Schwimmer. Klare Zusagen helfen mehr als die Floskeln, die am Friedhof so leicht über die Lippen gehen.

Was haben die beiden Frauen durch ihre Arbeit über das Leben gelehrt? „Dass man keine Angst vor dem Tod haben muss“, sagt Baden. „Und dass man das Leben genießen sollte, jeden Tag, dankbar und bewusst.“ Schwimmer muss nicht lange überlegen: „Wie kostbar das Leben ist. Und wie wundervoll Kinder sind.“

Elisabeth Kern

Geschrieben von:
ELISABETH KERN

Öffentlichkeitsarbeit Zentrum Südwestoberbayern

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